wagana

heisst «tanzen» auf Wiradjuri, eine Sprache der Aborigines in Australien.

 

Das Leben ist Tanz. Regentropfen tanzen auf dem Asphalt, Schmetterlinge tanzen auf den Wiesen, Blätter tanzen von den Bäumen, selbst kleinste atomare Teile befinden sich in ständigem Tanz.

 

Tanzen ist nicht nur Bewegung, sondern auch Beziehung - zu andren hin - von andren weg, im Einklang miteinander oder in Abgrenzung zueinander. 

 

Wir tanzen unser Leben. Mal heiter, leicht und froh, mal schwer, traurig, still, vielleicht sogar starr. Und in manchen Momenten tanzen wir verbunden mit dem Urklang allen Seins, mit dem eigenen Klang unserer Seele. Und wenn wir so unser Leben tanzen, dann strahlen wir sichtbar über uns hinaus in grosser Leuchtkraft. Und wir spüren, dass wir Teil sind des grossen kosmischen Tanzes des Universums.


Schamanismus und Christentum

Der im Hochland Perus wirkende, hochschulgelehrte belgischstämmige Benediktiner Simon Pedro erzählte, wie die Dorfbewohner einen Jungen mit einem schizophrenen Schub bei ihm vorbei brachten mit der Bitte um Heilung. Er machte ein Ritual, dieses half dem Jungen aber nicht. Also schickte er ihn zu Don José, dem Aymara-Dorfschamanen, dem Yatiri. Ein einfacher Mann mit wenig Schulbildung, gleichzeitig Simon Pedros bester Freund im Dorf. Auch dieser macht ein Ritual, welches dem Jungen ebenso wenig half. Da beschlossen die beiden, zusammen ein Ritual zu gestalten für den Jungen. Dieses heilte ihn.

Abgesehen davon, dass man in unserer Kultur weder zum Schamanen noch zum Priester ginge, sondern zum Psychiater, ist diese Erfahrung für mich wegleitendes Beispiel, dass das Zusammenfliessen der beiden Zugangsweisen, der beiden Traditionen, den Jungen geheilt hat. Die ursprüngliche, indigene Tradition mit ihrer tiefen, erdverbundenen Weisheit, zusammen mit dem Christentum, das eigentlich von seinem Meister auch den Auftrag erhielt, zu heilen, hat heilsam gewirkt, Brücken gebaut.

Ich bin der Überzeugung, dass wir in der heutigen Zeit kein Entweder-Oder brauchen, sondern ein Sowohl-Als auch. Dies ist im Einklang mit naturwissenschaftlichen Sichtweisen: der Physiker Niels Bohr hat vor über 90 Jahren entdeckt, dass Licht sowohl als Teilchen als auch als Welle beobachtet werden kann, obwohl das eine das andere eigentlich ausschliesst (Komplementarität).



       Statue der Mystikerin Teresa von Avila

Mystik

Das aus dem Griechischen stammende Wort heisst ursprünglich "geheimnisvoll", "Augen schliessend". Im Unterschied zu einem Für-Wahr-Halten von Inhalten und Dogmen ist Mystik erfahrungsbezogen. Es gibt sie in allen Weltreligionen inkl. Schamanismus.

In den theistischen Religionen Judentum, Christentum, Islam beschreibt Mystik den Weg zur Erfahrung des Einsseins des innersten Kerns der Seele mit Gott (unio mystica). 

In den östlichen Religionen beschreibt sie den Weg zur Erleuchtung und Erfahrung des Nichts, des Nichtbenennbaren. Im Schamanismus beschreibt sie den Weg zur Erfahrung der Kraft.

Allen Erfahrungen gemeinsam ist, dass sie Orte berühren, die mit Worten kaum zu beschreiben sind, weil sie sich im Wortlosen vollziehen.

Für mich wegleitend ist bei der Begleitung von Menschen die grundlegende Annahme, dass in der Tiefe einer jeder Seele die Einheit mit dem, was wir Gott nennen, da ist, ein unzerstörbares Licht und heiler Ort, den auch schlimmste Verletzungen nicht zerstören können. Die Berührung mit diesem heilen Ort, der Essenz, ist eine Erfahrung, die auch in der Begleitung eine grosse Ressource darstellen kann und Kräfte freisetzt, die dazu beitragen, auch schwierige Wegstrecken zu bewältigen.


Prozessarbeit

Der Gründer der Prozessarbeit ist Arnold Mindell, Physiker und Jungianer, der die Psychologie C.G. Jungs in verschiedenen Bereichen weiter entwickelt hat. Beispielsweise hat er erkannt, dass Träume sich auch in Körpersymptomen äussern und umgekehrt. So erweiterte er den vorwiegend visuellen Ansatz von C.G. Jung mit weiteren Kanälen: Propiozeption (Fühlen über den Körper), Kynästetik (Bewegung) und Audition (Hören). Dazu kommen zwei weitere Kanäle: Erfahrungen machen wir in Beziehungen und im grösseren Kontext, in dem wir drinstehen (Welt, gesellschaftliche Einflüsse).

In der Prozessarbeit werden diese Erfahrungen entfaltet in liebender Achtsamkeit. Dabei wird nach dem Sekundären gesucht, d.h. die Prozesse, die unbewusst ablaufen oder marginalisiert werden. Es ist die Haltung der tiefen Demokratie, die sowohl in Gruppenprozessen als auch in der Einzelarbeit zum Tragen kommt: jede Erfahrung und jede Stimme ist wichtig und will gehört/entfaltet werden. Auch ich als Begleiterin nehme mich da nicht aus.

So ist es möglich, die Erfahrungen, die sekundär und am Rand der Wahrnehmung sind, zu integrieren und in Kontakt zu kommen mit den tieferen Schichten der Persönlichkeit, der sog. Traumebene bis hin zu Erfahrungen, die die Essenz berühren (womit wir wieder bei der Mystik sind!).

 Wahrnehmungsmodell der Prozessarbeit


Das Bild zeigt den Lebensfluss. Rot ist ein (Schock)Trauma, welches einen Gegenstrudel in ihm verursacht und diesen verengt. Unten ist der Resilienzstrudel, der allmählich den Traumastrudel auflöst und immer grösser wird. Am Schluss wird der Fluss breiter, das posttraumatische Wachstum.

Dieses Buch von Staci K. Haines kann ich jeder interessierten Person von Herzen empfehlen!

Trauma und Ressourcen

Jeder Mensch verfügt über Ressourcen. Das sind innere Fähigkeiten, Stärken und soziale Beziehungen, die mithelfen, schwierige Situationen zu meistern.

Resilienz ist die Fähigkeit, die eigenen Ressourcen so zu nutzen und einzusetzen, dass man aus Schwierigkeiten schlussendlich gestärkt hervorgeht.

Jeder Mensch erleidet in seinem Leben auch Traumata, das ist unumgänglich. Viele von ihnen bewältigen wir von selbst.

Doch je früher, massiver und langandauernder die Traumata sind, desto mehr beeinträchtigen sie auch unsere Ressourcen und unsere Fähigkeiten zur Resilienz. Was dann folgt, nennt man eine posttraumatische Belastungsstörung.

Ressourcen können in Hebammenarbeit wieder entdeckt werden und die Fähigkeit zur Resilienz kann gestärkt und eingeübt werden.

Peter Levine, der Gründer der Methode Somatic Experiencing (eine körperbasierte Traumaarbeit), hat vieles aus der Beobachtung der Tierwelt angeeignet. Sie agieren über den Körper ihre Traumata aus und entwickeln keine posttraumatischen Belastungsstörungen. In der SE-Traumabearbeitung wird daher langsam, achtsam und sensibel über den Körper das Trauma entladen, was neue Kräfte freisetzt.

 

Trauma ist kein Thema, welches nur auf der individuellen Ebene gelöst werden kann. Staci K. Haines, Dozentin am Strozzi-Institut (auch eine körperbasierte Traumalösungsmethode), hat dies in ihrem sehr lesenswerten Buch "Körper lügen nicht" deutlich gemacht. Ausbeutung, Marginalisierung, das Angehören zu einer ethnischen oder religiösen Minderheit, LGBTIQ+ Menschen, politische Verfolgung, etc befördern Traumata, gar nicht zu reden von gewaltsamen Konflikten, Kriegen und Fluchtgeschichten.

Daher ist Traumaarbeit immer auch Transformation und Friedensarbeit, im Kleinen wie im Grossen.

Der Einsatz für eine Gesellschaft , in der sie gar nicht erst entstehen, ist Traumaprävention. Dazu gehört auch die Erinnerung und Aufarbeitung früherer kollektiver Traumata, damit sich diese nicht wiederholen.